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Realoption

Die Realoptionen (engl. "real options") sind eine Methode, um die Vorteilhaftigkeit einer Investition zu beurteilen. Dabei wird auf die finanzmathematischen Grundlagen der Optionspreistheorie zurückgegriffen.


Angeblich hat Thales von Milet bereits um 600 v.Chr. mit Realoptionen gearbeitet. Der griechische Philosoph soll den Besitzern der örtlichen Olivenpressen schon im Frühjahr zu einem festen Preis die Option abgekauft haben, die Maschinen in der Erntezeit zum Marktpreis zu vermieten. Dieser hing im Wesentlichen davon ab, wie gut die Ernte ausfiel. Eine bessere Ernte bedeutete einen größeren Ansturm der Bauern auf die Olivenpressen. Für Thales ging die Rechnung auf, er wurde reich und galt fortan als Mann mit seherischen Fähigkeiten.

In der modernen Wissenschaft wird das Modell erst seit knapp 30 Jahren diskutiert. MIT-Professor Stewart C. Myers prägte den Begriff 1977. Er nahm die in den 1970er Jahren von den späteren Nobelpreisträgern Fisher Black, Myron S. Scholes und Robert C. Merton entwickelte Optionspreistheorie auf. Myers übertrug sie von Finanzoptionen auf reale Handlungsalternativen und konnte so Investitionsentscheidungen bewerten.

Die bis dahin übliche Discounted-Cashflow-Methode räumte unternehmerischen Entscheidungen nicht genügend Flexibilität ein. Sie zinst in der Zukunft erwartete Finanzströme mit dem Marktzins auf den Investitionszeitpunkt ab. Sie geht von einem einzigen Zukunftsszenario (zum Beispiel Verkauf eines Firmenteils) aus, während sich mit dem Realoptionsansatz Projekte auch nur teilweise realisieren lassen.

In der Praxis fing die Methode erst Mitte der 1990er Jahre an, sich vor allem bei Unternehmen der Rohstoffbranche durchzusetzen. Die Akteure in dieser Branche sind es gewohnt, dass erwartete Preise ihrer Produkte an Terminbörsen bewertet werden. Das Ausmaß der Wertschwankung als Reaktion auf äußere Einflüsse liefert auch Anhaltspunkte für die Volatilität der realen Handlungsalternativen in diesen Branchen. So wendeten Konzerne wie Exxonmobil und Texaco den Realoptionenansatz zum Beispiel für die Investition in neue Erdölförderkapazitäten an.

Auch Firmen, die unter stark im Wandel befindlichen Rahmenbedingungen wirtschaften, wie Pharma- oder Telekommunikationsunternehmen, können ihr Risiko mit der Realoptionenmethode realistischer einschätzen. So bewertete der US-Pharmakonzern Merck Mitte der 90er Jahre seine Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen auf diese Weise.

Etwas umstritten ist die Eignung der Methode zur Bewertung neuer Geschäftsideen. Denn je höher das Risiko ihrer Idee, desto höher fiel der Wert aus, den das Modell lieferte. New-Economy-Firmenchefs verwendeten sie darum gern, um Geld von Venture-Capital-Gesellschaften zu bekommen.

Arten der Realoption
Es gibt unendlich viele denkbare Handlungsspielräume, die als Option in eine Investitionsrechnung eingebaut werden könnten. Im Rahmen dieser Arbeit sollen jedoch nur die folgenden sieben Realoptionstypen behandelt werden:

Verzögerungsoption
Wachstumsoption
Abbruchsoption
Mehrstufige Investition
Erweiterungs- bzw. Konsolidierungsoption
Option zur vorübergehenden Schließung und Wiedereröffnung
Option zur Variation des Inputs / Outputs

Die Optionstypen 4 bis 7 werden auch unter dem Oberbegriff "Flexibilitätsoptionen" zusammengefasst. Neben den hier aufgeführten Optionstypen gibt es weitere Arten, die sich jedoch aus den hier vorgestellten Typen ableiten lassen. Darunter fallen jegliche Arten der

Kombination verschiedener Optionstypen (z.B. verzögerte Abbruchsoption), Optionen auf Optionen ("compound options") sowie Optionen mit mehr als einer Unsicherheitsquelle ("rainbow options").

Die genannten sieben Realoptionstypen müssen, damit sie mit Hilfe der Optionspreistheorie bewertet werden können, mit einem bekannten Finanzoptionstyp in Verbindung gebracht werden. Die bekannten Finanzoptionstypen sind die folgenden acht Alternativen:

Europäischer Call mit (ohne) Dividenden
Europäischer Put mit (ohne) Dividenden
Amerikanischer Call mit (ohne) Dividenden
Amerikanischer Put mit (ohne) Dividenden

Für die einzelnen Realoptionstypen wird nun zuerst die Analogie zu einer Finanzoption hergestellt, anschließend der geeignete Finanzoptionstyp und das geeignete Bewertungsmodell genannt.


1. Verzögerungsoption

Analogie zwischen Finanz- und Realoption

Diese Option ist die Möglichkeit, eine Investition innerhalb eines bestimmten Zeitraums verzögern zu können. Der Optionsinhaber hat in der Regel das Recht, die Investition jederzeit innerhalb der Frist durchzuführen. Es treten Wertverluste durch den Zeitwert des Geldes und/oder durch den Verlust von Marktanteilen auf.


Finanzoptionstyp und geeignetes Bewertungsmodell

Die Option entspricht einem amerikanischen Call mit Dividende. Eine exakte Bewertung ist nur über das Binomialmodell möglich, approximativ auch über das angepasste B&S-Modell für amerikanische Optionen.


Beispiel

Ein Unternehmen will ein neues Produkt auf den Markt bringen. Die Produkteinführung soll von einer großen Marketingkampagne begleitet werden. Die schlechte Konjunkturlage lässt jedoch vermuten, dass das Produkt zurzeit nicht die gewünschten Absatzzahlen bringen kann und die Marketingausgaben keinen Erfolg erzielen würden. Das Unternehmen denkt daher darüber nach, die Produkteinführung um ein Jahr zu verschieben. In dieser Frist kann abgewartet werden, wie sich die Konjunkturlage am Markt entwickelt. Das Unternehmen ist sich jedoch darüber im Klaren, dass sein Konkurrent mit einem ähnlichen Produkt während dieses einen Jahres weitere Marktanteile erobern kann. Sollte sich die konjunkturelle Lage vor Ablauf des Jahres erheblich verbessern, kann das Unternehmen auch schon vorher das Produkt auf den Markt bringen.


2. Wachstumsoption

Analogie zwischen Finanz- und Realoption

Die Wachstumsoption ist die Möglichkeit, auf eine Anfangsinvestition weitere Investitionen folgen zu lassen. Dies geschieht entweder zur Erweiterung der bestehenden Investition oder zur Durchführung einer neuen Investition. Die Option kann nicht während einer Laufzeit, sondern nur zu einem bestimmten Zeitpunkt, in der Regel am Ende der Laufzeit der ersten Investition ausgeübt werden. Auf Grund des optionalen Charakters der Wachstumsoption lassen sich keine Wertverluste ermitteln, die bei ihrer Durchführung oder Nichtdurchführung entstehen könnten.


Finanzoptionstyp und geeignetes Bewertungsmodell

Die Option entspricht einem europäischer Call ohne Dividenden. Zur Bewertung sind das Standard B&S-Modell und das Binomialmodell gleichermaßen geeignet.


Beispiel

Ein Unternehmen mit energieintensiver Produktion will seine Produktionsstätten selbst mit der benötigten Energie versorgen um nicht von den Preisänderungen den großen Energieversorger abhängig zu sein. Das Unternehmen plant, zunächst ein kleines Blockheizkraftwerk aufzubauen, welches 40% der benötigten Energie erzeugen kann. Stellt sich heraus, das die Investition größere Vorteile bringt als ursprünglich angenommen (z.B. bei einer weiteren Preisanhebung durch die Energieversorger), besitzt das Unternehmen die Option, das Blockheizkraftwerk auszubauen und zusätzliche Energiegewinnungsmodule zu erwerben. Die Option, die bestehende Investition zu erweitern, stellt eine Wachstumsoption dar.


3. Abbruchsoption

Analogie zwischen Finanz- und Realoption

Die Abbruchsoption ist die Möglichkeit, eine Investition bei schlechtem Projektverlauf zu verkaufen oder abzubrechen (einzustellen). In der Regel kann der Verkauf oder die Einstellung jederzeit erfolgen. Wird das Projekt beendet, entstehen durch die Nichtforttührung Wertverluste.


Finanzoptionstyp und geeignetes Bewertungsmodell

Die Abbruchsoption entspricht einem amerikanischen Dividenden. Die Bewertung kann nur über das Binc vorgenommen werden.


Beispiel

Ein Verlagshaus plant die Auflage eines neuen Modemagazins. Sollten sich die Auflagezahlen nicht entsprechend den Erwartungen entwickeln, besitzt der Verlag die Option, das Magazin jederzeit einzustellen. Wird das Magazin eingestellt, gehen die Einnahmen verloren, die der Verlag durch die Verkäufe erzielt hat.


4.Mehrstufige Investition

Analogie zwischen Finanz- und Realoption

Hier handelt es sich um eine Option, die in mehreren Stufen aufgebaut ist. Bei erfolgreichem Projektverlauf einer Stufe besteht die Option, in die jeweils nächste Phase einzutreten. Die Option ist in der Regel nur zu bestimmten Zeitpunkten (etwa am Ende der vorangegangenen Stufe) ausübbar. Ein Wertverlust entsteht dadurch, dass nicht die Investition sofort in vollem Umfang, sondern zunächst nur die erste Stufe realisiert wird.


Finanzoptionstyp und geeignetes Bewertungsmodell

Die Option entspricht in der Regel mehreren amerikanischen Calls mit Dividenden. Die Bewertung erfolgt über das Binomialmodell, approximativ auch über das B&S-Modell.


Beispiel

Ein Pharmaziehersteller will ein Medikament zur Behandlung der Parkinson-Erkrankung entwickeln. In der ersten Stufe soll lediglich ein Wirkstoff entwickelt werden, der die Symptome des Körperzitterns lindert. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung ist davon überzeugt, auch einen Wirkstoff entwickeln zu können, der die Krankheit komplett heilen kann. Da dies aber einen langen Zeitraum in Anspruch nehmen wird, soll zunächst nur der Wirkstoff mit den lindernden Maßnahmen vermarktet werden. Bei erfolgreichem Absatz besitzt das Unternehmen die Option, in einer zweiten Forschungsstufe den Wirkstoff weiterzuentwickeln. Das Unternehmen geht bei dieser Entscheidung das Risiko ein, dass ein anderen Hersteller in der Zwischenzeit ebenfalls einen Wirkstoff zur vollständigen Heilung der Parkinson-Erkrankung entwickelt. Die Dividende bei diesem Projekt entsteht somit durch den Zeitwert des Geldes (spätere Cash Flows aus dem Heilungs-Wirkstoff sind nicht soviel wert wie die Cash Flows, die bei sofortiger Entwicklung entstehen könnten) und durch eventuell verlorene Marktanteile an Mitbewerber, die den Wirkstoff schneller entwickeln.


5.Erweiterungs- / Konsolidierungsoption

Analogie zwischen Finanz- und Realoption

Mit dieser Option hat der Entscheider die Möglichkeit ein bestehendes Projekt zu erweitern oder einzuschränken. Hierbei geht es nicht wie bei der Wachstumsoption um eine neue Investition, sondern lediglich um den Ausbau bzw. die Verkleinerung eines bestehenden Projekts.


Finanzoptionstyp und geeignetes Bewertungsmodell

Die Erweiterungsoption stellt in der Regel einen amerikanischen Call, die Konsolidierungsoption einen amerikanischen Put dar, jeweils mit Dividenden. Die Existenz von Dividenden ist jedoch einzelfallabhängig. Die Bewertung erfolgt über das Binomialmodell. Bei der Erweiterungsinvestition ist auch eine approximative Bewertung mit dem angepassten B&S-Modell möglich.


Beispiel

Ein Baumarkt verkauft eine Wandfarbe in den Farbtönen weiß, gelb und grün. Sie hat die Option, das Sortiment um die Farbtöne rot und blau zu erweitern, sollte sich die Nachfrage nach dieser Wandfarbe positiv entwickeln. Ebenso hat der Baumarkt die Option, das Angebot auf die weiße Farbe allein zu reduzieren. Diese Entscheidung kann jederzeit fallen und ist nicht von bestimmten Ereignissen abhängig. Ein Wertverlust entsteht z.B. dann, wenn von vornherein eine rote Farbe vom Kunden gewünscht wurde und/oder wenn die Farbe grün über- haupt nicht gekauft wird.


6.Option zur vorübergehenden Schließung und Wiedereröffnung

Analogie zwischen Finanz- und Realoption

Für den Fall, dass die Erlöse einer Investition nicht mehr die variablen Kosten decken, kann bis zu einer Verbesserung der Marktsituation unter Umständen die Produktion vorübergehend ausgesetzt werden. Die Option beinhaltet das Recht, sich für einen Stopp der Produktion und eine Wiederaufnahme der Produktion zu entscheiden. Diese Entscheidungen sind nicht von der Einhaltung bestimmter Termine abhängig.


Finanzoptionstyp und geeignetes Bewertungsmodell

Sowohl die Option zur Schließung als auch die Option zur Wiedereröffnung sind amerikanische Calls. Dividenden in Form entgangener Gewinne oder dem Zeitwert des Geldes fallen in der Regel nicht an, da nur bei einem negativen Deckungsbeitrag nicht produziert wird und in diesem Fall die wirtschaftlich sinnvolle Produktion nicht gegeben ist. Die Bewertung ist mit dem Binomialmodell und dem Standard B&S-Modell möglich.


Beispiel

Eine Goldmine hat die Option, bei sinkenden Preisen auf dem Absatzmarkt die Produktion vorübergehend einzustellen. Diese Option wird ausgeübt, wenn die Kosten der Förderung pro Kilo Gold höher sind als der Marktpreis (Produktionskosten höher als der Marktpreis). Die Produktion liegt solange brach bis der Marktpreis wieder soweit angestiegen ist, dass sich die Förderung wirtschaftlich lohnt.


7.Option zur Variation des Inputs / Outputs

Analogie zwischen Finanz- und Realoption

Die Option (auch "Wechseloption" oder englisch: "switching option") beschreibt die Möglichkeit, abhängig von der Marktnachfrage nach Produkten und der Entwicklung von Preisen für Produktionsfaktoren die Input- und/oder Outputfaktoren zu variieren. Diese Optionen sind sehr komplex, da zwischen einer Vielzahl möglicher Faktoren entschieden werden kann. Bei der einfachen Möglichkeit zwischen zwei verschiedenen Outputfaktoren wählen zu können, entspricht diese Option dem Tausch zweier Vermögensgegenstände.


Finanzoptionstyp und geeignetes Bewertungsmodell

Die Option kann in der oben beschriebenen einfachen Form als europäischer Call ohne Dividenden angesehen werden. Für die Bewertung kommen gleichermaßen das Binomialmodell und das B&8- Modell in Betracht.


Beispiel

Ein Produktionsunternehmen der Textilbranche hat, je nach konjunktureller Lage, die Möglichkeit hochwertige Stoffe oder Stoffe mit verminderter Qualität zu verarbeiten (alternative Inputfaktoren). Sind am Markt gute Preise für Qualitätsware erzielbar, wird ein höherwertiges Material für die Produktion verwendet. Sinken die Preise, kann auf Lieferanten zurückgegriffen werden, die Stoffe mit verminderter Qualität kostengünstig anbieten.

Dieser Artikel basiert auf einem Artikel aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

 

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